MRZ 19 2012

Barrierefreiheit von Softwareprogrammen und Webangeboten

von in Examples, Praxis Hinterlasse einen Kommentar

In diesem Beitrag können Sie sich über  die Anwenderfreundlichkeit für Software- und Web-Benutzer mit einem breiten Spektrum an Fähigkeiten – über die Barrierefreiheit – informieren. Den Ausdruck “Benutzer mit einem breiten Spektrum an Fähigkeiten” für Personen mit diversen Behinderungen und in besonderen Lebenslagen, habe ich aus dem Standard ISO 9241-171 für Barrierefreiheit von Software übernommen und ich muss sagen, ich bin glücklich damit.

 

 

Wenn Sie jemals einen Menschen brauchen, der eine ganze Gruppe Leute durch eine absolut lichtlose Umgebung führen soll, stehe ich als Vollblinder zur Verfügung. Ich kann Ihnen auch zeigen, wie Sie eine Software ohne Bildschirm bedienen können – natürlich nur, wenn diese Software die Konzepte der Barrierefreiheit erfüllt.

“Accessibility oder Barrierefreiheit ist die Benutzerfreundlichkeit der interaktiven Benutzerschnittstelle eines Produkts, eines Services, einer Umgebung oder einer Anlage für Menschen mit dem breitesten Spektrum an Fähigkeiten” (ISO 9241-171, Definition 3.2).

Aber langsam: ich merke, ich habe zu lange an der Uni unterrichtet, das heißt ich verwende zu viele allgemeine Definitionen und unverständliche Sätze! Also ab jetzt schön der Reihe nach und ganz einfach und verständlich.

Beispiele für Barrierefreiheit
Ich werde versuchen, die Barrierefreiheit an folgenden drei Beispielen zu erörtern. Wie Sie sehen werden, es handelt sich dabei nicht immer um Menschen mit Behinderungen.

Beispiel 1: Ich als blinder Benutzer bediene MS Outlook
Der Trick dabei ist, dass man im MS Outlook alle Funktionalitäten auch mit der Tastatur ausführen kann.

  • Mit STRG+1 schnell in die Mail-Liste wechseln
  • mit STRG+2 zum Kalender
  • In allen Listen wiederum kann ich mich von Objekt zu Objekt mit den Pfeiltasten bewegen
  • den fokussierten Eintrag kann ich mit der Eingabetaste öffnen, mit der Taste Entf. löschen usw.
  • Und ich bin schnell dabei.

Beispiel 2: Inge im Internet
Inge hat Tremor, d. h. ihre Hände zittern und Sie tut sich schwer, den Mauszeiger exakt genau zu positionieren. Aber auf einer barrierefreien Internetseite fühlt sie sich effizient und zufrieden: die Schaltflächen sind ausreichend groß und genügend voneinander entfernt. So aktiviert sie  NUR die Optionen, die sie auch wirklich beabsichtigt und verliert keine Zeit und Nerven am mühsamen Zielen.

Beispiel 3: Autofahrer bedient den Browser
Das hier ist noch immer eine Sciencefiction. Fritz ist LKW-Fahrer und ist ewig unterwegs. Nebenbei liest er gerne Artikel in der Wikipedia. Während er fährt, widmet Fritz seine Augen und Hände ausschließlich dem Fahren. Den Internetbrowser bedient er mit der Spracheingabe und hört sich die Beiträge mit der Sprachausgabe an. Dazu muss die Site eine sehr gute Barrierefreiheit besitzen.

Wer profitiert von Barrierefreiheit?
Sehr unterschiedliche Benutzerprofile profitieren von Barrierefreiheit im Web und in den Softwareprodukten:

  • Menschen mit motorischen Behinderungen
  • Menschen mit Sinnesbehinderungen (Blindheit, Gehörlosigkeit, Sehschwäche, Hörschwäche)
  • Menschen mit kognitiven Behinderungen und Lernschwäche
  • Menschen mit temporären Behinderungen (z. B. durch einen Armbruch)
  • Personen in besonderen Situationen oder Umgebungen (beim Autofahren, in einer lauten Fabrikhalle)
  • Suchmaschinen (als spezielle virtuelle Benutzer).

Was macht eine Software / einen Webinhalt barrierefrei?
Eine sehr gute Zusammenfassung der notwendigen Maßnahmen finden wir im Dokument Richtlinien für barrierefreie Webinhalte (WCAG) 2.0 von der Arbeitsgruppe Web Accessibility Initiative (WAI) des W3 Konsortiums.

Alle Inhalte und alle Elemente der Benutzerschnittstelle (Schalter, Auswahlboxen usw.) müssen wahrnehmbar, bedienbar und verständlich sein.

Nachfolgend finden Sie einige ausgewählte Anwendungsfälle für diese drei Hauptkategorien.

Inhalt ist wahrnehmbar
Die Wahrnehmung aller Inhalte, die kein reiner Text sind, ist immer sinnesabhängig. Eine blinde Person kann keine Bilder wahrnehmen, eine gehörlose Person wird nicht imstande sein, den Audiotrack eines Videos mitzuverfolgen.

Die angemessene Lösung für diese Probleme sind sogenannte alternative Äquivalente für alle nichttextuellen Inhalte. So wird z. B. für den Mistkübel Icon der alternative Text “Papierkorb” zur Verfügung gestellt. Dadurch können die assistierenden Techniken wie Bildschirmleseprogramme (Screen reader Software) die Funktion, die sich hinter diesem Icon versteckt, richtig deuten und den Text vorlesen oder auf der Braillezeile ausgeben.

Eine geeignete Alternative für den Audiotrack ist die Untertitelung. Dabei müssen alle Dialoge mit der Zuordnung zu den sprechenden Personen sowie alle relevanten Geräusche (Türglocke, Telefon) getextet werden.

Alle Funktionalitäten sind bedienbar
Die meisten Benutzerinnen bedienen die Software inkl.  Webseiten mit einer Maus. Das ist für blinde, stark sehbehinderte und motorisch behinderte Benutzer äußerst ineffizient bis unmöglich. Die Bedienbarkeitsanforderung verlangt von einer Software, dass die Bedienung auch per Tastatur vollständig funktioniert, falls das unterstütze Gerät eine Tastatur zur Verfügung stellt. Im Falle von mobilen Geräten mit einem Touchscreen muss zusätzlich eine geänderte Bedienungslogik implementiert sein, die eine intuitive Bedienung unter Verwendung einer Bildschirmlesesoftware ermöglicht. Ein wunderbares Beispiel für gelungene Barrierefreiheit auf Geräteebene stellen iPhone und iPad mit dem integrierten Screenreader VoiceOver dar.

Inhalt und Benutzerschnittstelle sind verständlich
Verständlichkeit als eine Anforderung der Barrierefreiheit nimmt, abhängig von der Zielgruppe, unterschiedliche Bedeutung an .

Verständlichkeit für Screenreader-Benutzer ist in erster Linie dadurch gegeben, dass die Bildschirmlesesoftware die Inhalte in verschiedenen Sprachen richtig vorliest. RICHTIG bedeutet mit entsprechender Sprachausgabe für die Sprache des jeweiligen Inhalts.

Für Menschen mit kognitiven Behinderungen und Lernschwierigkeiten bedeutet verständlich, dass die Texte in einer leicht lesbaren Sprache vorliegen. Die Hauptmerkmale einer leicht lesbaren Sprache sind:

  • kurze Sätze
  • aktiv statt passiv verwenden
  • nur einen Gedanken pro Absatz behandeln
  • Abkürzungen so wenig wie möglich einsetzen und beim ersten Verwenden unbedingt erklären, …

Barrierefreie Software, barrierefreie Webinhalte und Dokumente ermöglichen auch für uns Menschen mit diversen Fähigkeiten ein zufriedenes Arbeiten, eine ausreichende Leistungsfähigkeit und Effizienz.

Mehr Informationen zum Thema finden Sie im Vortrag von Leopold Bauernfeind und mir im Rahmen der Fabasoft egovdays 2012:
Vortrag egovdays 2012

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